Wohlstandskrankheiten bei Pferden, gibt es die überhaupt?

Wohlstandskrankheiten Pferde

Ich würde sagen: bis auf wenige Ausnahmen: Nein!

Liest man über die sogenannten Wohlstandskrankheiten und beschäftigt sich dann einmal genauer, mit den unter Wohlstandskrankheiten genannten Krankheiten, wie beispielsweise das Equine metabolische Syndrom oder auch das Equine Cushing Syndrom, stellt man fest, dass diese Krankheiten überhaupt gar keine Wohlstandskrankheiten sind.

Veterinärmedizinisch wird das Equine Cushing Syndrom – heute – als Erkrankung bzw. Entartung der Hirnanhangdrüse (Hypophyse) in Verbindung mit einer gutartigen Tumorbildung definiert.  Man geht also davon aus, dass das Hypophysenadenom der Pars Intermedia die Ursache für ein Cushing-Syndrom bei Pferden darstellt.

Ein Hypophysenadenom wiederum hat nichts mit einer Wohlstandsfütterung zu tun, oder?

Beschäftigt man sich einmal genauer mit dem Equinen Cushing Syndrom, wie ich es getan habe, wird klar, dass die ganze Cushing Geschichte, die zum großen Teil eine Pseudodiagnose darstellt, rein gar nichts mit einer Wohlstandsfütterung, also einer zu gut gemeinten Fütterung zu tun hat.

Übrig bleibt die Erkenntnis, dass es sich in fast allen Fällen – wenn überhaupt – um ein Stoffwechselproblem bzw. Hormonstoffwechselproblem bei den Diagnosen handelt. Sofern überhaupt sichtbare Probleme vorhanden sind.

Die sichtbaren Probleme der Pseudodiagnose Cushing – wenn überhaupt – sind in der Regel wenig Muskulatur bei eher schlanken und dünnen Ponys und Pferden sowie leichtere Haut- und Fellprobleme, die man durchaus in den Bereich „Probleme des Stoffwechsels“ einordnen kann, jedoch definitiv nicht zu der Diagnose Equines Cushing Syndrom führen sollten.

Oftmals ist das alleinige offensichtliche Symptom die Hufrehe. Aufgrund eines akuten Hufreheschubes wird überhaupt erst der Verdacht auf Cushing geäußert und diesem nachgegangen. Hufrehe gehört jedoch meines Erachtens nach nicht zu den Symptomen eines Pseudo Cushing-Syndroms, jedenfalls nicht unbedingt und nicht allgemein. ECS und Hufrehe kann man nur im Zusammenhang setzen, wenn der Cortisolspiegel bei ECS dauerhaft erhöht ist, dies ist jedoch bei den Pseudodiagnosen so gut wie nie der Fall. Somit fällt meiner Meinung nach jedweder Zusammenhang zur Hufrehe weg, denn man ging anfangs davon aus, dass der dauerhaft erhöhte Cortisolspiegel zur Hufrehe führt.

Neuere Studien zeigen jedoch klar auf, dass bei den auf ECS positiv getesteten Pferden in der Regel kein erhöhter Cortisolspiegel festzustellen ist.
Vor diesem Hintergrund gibt es zumindest bei den Pseudodiagnosen, die ich in meiner Praxis überwiegend antreffe, keinen Zusammenhang zwischen Hufrehe und ECS.

ECS ist – wie in der älteren Veterinärliteratur wohl richtig beschrieben – äußerst selten und kommt nur bei alten Pferden und Ponys vor.

Die Definition des ECS alleine steht schon zu den heute dermaßen häufigen ECS Diagnosen in Widerspruch. Es ist geradezu unmöglich, dass alle diese Pferde an einem Hypophysenadenom leiden und dies in jeglichem Alter.
Richtige offensichtliche Symptome des wirklich vorhandenen ECS, wie massive Muskelatrophie und „Hängebauch“, stark gelocktes Fell, wie aber auch ganz offensichtliche und massive Haut- und Fellprobleme, die sich nicht nur auf den Fellwechsel beziehen, sehe ich bei den positiv auf ECS getesteten Pferden sehr selten.

Gut, natürlich gibt es nicht nur die vielen Pseudodiagnosen, sondern auch einige echte, diese sind jedoch nach wie vor sehr selten. Hier dürfte dann auch der Zusammenhang mit der Hufrehe bestehen, da bei diesen Pferden auch dauerhaft zu viel Cortisol produziert werden dürfte und somit durchaus der Zusammenhang zur Hufrehe vorhanden ist.

Bei allen Pseudodiagnosen jedoch definitiv nicht!
Denn nicht jedes kleine Stoffwechselproblem oder Hormonstoffwechselproblem bzw. Hautstoffwechselproblem führt zur Hufrehe!

Dass also eine Hypophysenadenom nichts mit der Wohlstandsfütterung zu tun hat, dürfte auf der Hand liegen!

Auch die Probleme der Pseudodiagnose Cushing sind weniger auf eine Wohlstandsfütterung, als vielmehr auf eine falsche Pferdefütterung zurückführbar. Denn es ist eine für das individuelle Pferd falsche Pferdefütterung, die Stoffwechsel und Hormonstoffwechsel schädigt!

Dann zählen wir heute ja auch noch das Equine metabolische Syndrom zu den Wohlstandskrankheiten. Das EMS soll nach Veterinärlektüre tatsächlich bei 50 % aller Pferde vorhanden sein…

Beschäftigt man sich auch mit EMS einmal ein wenig „über dem Tellerrand“, erledigt sich das Thema Diabetes II bzw. Insulinresistenz bei Pferden eigentlich ganz von selbst, da es die Zuckerkrankheit bei Pferden wohl nach wie vor überhaupt nicht gibt. Was es nicht gibt, braucht auch nicht aufgeführt werden. Aber hierzu lest einmal selbst unter dem Link EMS. Hier nehme ich das Thema EMS einmal kritisch unter die Lupe.

Obwohl es die viel zitierte und häufige Diagnose EMS in Wahrheit nicht zu geben scheint, besteht bei diesen Diagnosen zumindest ein kleiner Zusammenhang zum Wohlstand, wenn auch nicht zu den Wohlstandserkrankungen. Denn diese Pferde sind meist zu dick, jedoch auch nicht immer. Nicht nur ein guter Futterzustand führt zur Diagnose EMS, auch bei dieser Modediagnose ist das Leitsymptom – was auch sonst – die Hufrehe.

Aber auch bei etwas moppeligen Pferden denke ich nicht, dass Hufrehe mit dem Futterzustand alleine zusammenhängt. Hierfür habe ich wirklich viel zu viele moppelige Pferde gesehen, die ihr Leben lang nie an Hufrehe erkrankt sind. Alleine ein zu guter Futterzustand oder Fettablagerungen an Kruppe, Schulter, Mähnenkamm etc. führt nicht zur Hufrehe.

Klar, leidet das Pferd wirklich an Adipositas, also an Fettsucht, welche ja bei EMS Definitionen zugrunde gelegt wird, dann steigt hiermit sicher die Hufrehegefahr, jedoch nicht nur diese, auch die Gefahr von Erkrankungen des Bewegungsapparates an sich (das Gewicht muss ja fortbewegt werden..), von Muskelerkrankungen, von Herz- und Kreislauferkrankungen, die Gefahr von Kolik anhand des ständigen Überfressens und die Gefahr der Fettleber und ernsthafter Leberkrankheiten in erster Linie.

Und mal ganz ehrlich, Pferde und Ponys mit Fettsucht, also Adipositas, das sind ja nun wirklich die absoluten Ausnahmen. Gut, viele Ponys und Pferde haben einige KG zu viel auf der Waage, aber so fett, dass sie sich kaum noch fortbewegen können, das sind wirklich die wenigsten!

Aber dennoch, natürlich werden viele Probleme angefüttert, jedoch nicht durch 24-Stunden Weidegang und eine natürliche, also dem Pferd angemessene Pferdefütterung. Pferde sind nun einmal „Dauerfresser“ und Pferde benötigen nun einmal Rohfaser und langsam über den Tag verteilte „Futterportionen“. Was liegt da also näher als die Weidefütterung? Nichts! Jetzt werdet Ihr schreien: Hiillfffee Fruktan, aber: auch mit dem Thema Fruktan habe ich mich natürlich einmal näher beschäftigt. Das Ergebnis findet Ihr unter Fruktan & Hufrehe.

Des Weiteren bewegt sich ein Pferd mit ständiger Bewegungsmöglichkeit (= Weide) selbstverständlich mehr, als bei Stallhaltung bzw. kleinem Auslauf, der ja keinerlei Bewegungsanreize bietet (diese sind übrigens auch nicht wirklich gegeben, wenn die Wege zur Tränke, zum Futterautomaten oder zum Heu einige Schritte betragen, hierfür benötigt es schon weiterer Wege..). Und Bewegung ist nun mal auch ein ganz wichtiger Faktor für die Pferdegesundheit!

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